Knastbericht II

27.9., das Wochenende ist rum. Die Langweile, zentrales Element im Knast, ist überall hineingekrochen in mein Leben. Wenn alles glatt läuft, trifft es mich ja nur 8 Tage, bis ich erstmals raus kann. Begegnungen mit anderen Gefangenen sind im offenen Vollzug noch seltener als im geschlossenen. Arbeiten oder irgendwies raus, sich im langweiligen Gießen rumtreiben. Auf dem Festplatz nebenan läuft gerade der Herbstjahresmarkt. wahrscheinlich scheußlich, aber besser als alles hier, werden sich die meisten Gefangenen mit Ausgang denken. Bier trinken dürfen sie dort nicht, denn was bei Hartz-IV demnächst nicht mehr bezahlt wird, ist hier sogar verboten. Natürlich nur den Eingesperrten.

Heute liefen die ersten Gespräche darüber, wie ich hier eingestuft werde. Schriftstellerei – so etwas kennen die hier nicht. Wer einen „echten“ Job hat, darf den Knast verlassen. Aber ein Freiberufler? Bislang wurden nur Varianten diskutiert, z.B. halbtags im Knast arbeiten und dann viele Stunden Ausgang zum Buchschreiben. Oder mein Schreiben wird ganz als Job anerkannt. Dann könnte ich länger raus, müsste aber wahrscheinlich Teile der Einnahmen an den Knast geben. Mal sehen, wie das ausgeht… und auch, wie es dann mit Sonderurlaub für Verteidigertätigkeit aussieht. Denn ich bin ja Rechtsbeistand von Cécile im Castorprozess in Dannenberg. Da muss das Gericht in Dannenberg erstmal was zu beschließen. Nächster Termin ist der 4.10. – ohne mich.

Draußen regnet es jetzt. Der Hof des geschlossenen Vollzugs, in den ich gucken kann, ist wieder leer. Die Stunde für die dort Inhaftierten ist mal wieder vorbei: ich kann ihenen ohnehin nur zugucken, durch NATO-Drahtrollen auf der Mauer. Durch Drahtrollen hindurch sehe ich die meisten im Kreis gehen, einige joggen die Runde, andere versuchen sich im Tischtennis, einer sammelt die weggeworfenen Kippen der anderen und nutzt die kleinen Stummel für seine Bedürfnisse. 2 Uniformierte schauen zu. Die Welt hinter der Mauer. Im Hintergrund sehe ich ein kleiner Stück Landgericht, nach rechts erspähe ich die Ecke des Amtsgerichts sitz der TäterInnen, die gleich in den Feierabend gehen. Wieviele Leben haben sie heute zerstört?

Jörg

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