Post, Persönliches – und Arbeit im Knast

Jörg schreibt in einem Brief:

Es ist wie ein Flash. Noch immer wühle ich mich duch den Postberg des heutigen Tages. 14 Briefe, 3x taz, 1x Bauernstimme und 10x Ausgabe der Mellifera-Zeitung. Die Briefe habe ich verschlungen. Wie schön – aber warum kommen die alle an einem Tag, obwohl die an unterschiedlichen losgeschickt wurden? Vom 28.9 bis 3.10 sind alle Poststempel auf den Briefen vereinigt. Seltsam, Seltam. Es wird ein bischen dauern – aber alle Briefe sind nicht nur persönlich nett und aufmunternd, sondern enthalten Anfragen oder Themen, auf die ich antworten will und werde.

Apropos persönlich: In mehreren Briefen finden sich Entschuldigungen für persönliche Worte – seien es Nachfragen, wie es mir geht, oder Berichte aus dem eigenen Alltag, dem Ringen um die eigene Zukunftsgestaltung oder anderes. Ich fühle mich da falsch verstanden. Ich selbst halte oft Distanz zu Menschen, weil ich keine Kraft mehr habe, den schon x-mal erlebten Durchlauf neuer, engagierter Menschen und ihre fast immer doch eintretende Etablierung hautnah zu erleben und dann wieder zu betrauern. Das heißt aber ja nicht, das Persönliches schnuppe ist. Und auch wenn ich bei mancher Aktionsbesprechung genervt war von Unterbrechungen zwecks umarmender Bergrüßung neuer Ankommender oder Aufmerksamkeitslücken zwecks Knutschens, so heißt das nicht, dass das alles unwichtig ist. Nein – das Gegenteil ist richtig: Die meisten Menschen verschwinden aus einer widerständigen Praxis wieder, nicht weil Bullen sie vermöbeln, sondern weil sie es nicht schaffen, ihren Alltag, ihr Leben (also auch all die persönlichen Sachen) anders, d.h. selbst zu organisieren. Sie suchen weiter nach Orientierung von Außen-VersorgerInnen, Leitfigueren, alles was das Denken entlastet. Sie finden die dann irgendwann in Arbeitsstellen, Studium, Ehe oder Ähnlichem – in Mietverträgen mit Hausmeisterservice, Einkaufen fremder Arbeitsergebnisse und dem Klicken auf vorgegebene Links. Die Debatte über uns und unser Leben ist wichtig. Ich will und werde mich weiter einmischen – in der gewohnten Art, oft ätzend gegenüber so empfindener Denkfähigkeit, Pseudoradikalität und Sehnsucht nach fremder Führung, Seelsorge und Reproduktionsarbeit.

5.10.2010 – 12:15 Uhr: Die Würfel sind gefallen. Aber welch ein Drama nochmal. Ab 10:00Uhr war wieder Konferenz. Neben mir noch zwei weitere „Fälle“ – ein Neuzugang und ein Älterer, der Freigänger ist, d.h. draußen arbeitet.

Ca. 11:10 Uhr werde ich reingerufen. Und erfahre: Laptop auf dem Zimmer geht nicht, weil dann ja andere über Ebay betrügerisch … Und als Freigänger geht auch nicht, weil ich hätte ja keinen Chef und das ginge nicht. Großzügig boten sie mir dann an, am Haus zu arbeiten von 7:30-16:00 Uhr und danach bei regulärem Ausgang am Buch zu arbeiten. Ob ich damit einverstanden wäre. Bin ich nicht. Meine Schriftstellerei sei gar nicht anerkannt worden. Ich stimme nicht zu, sondern kritisiere den Rückzug auf eine Standardlösung – zumal schon in Einzelgesprächen kreative Lösungen erörtert wurden. Da meldet sich jemand der BeamtInnen und bittet um erneute Diskussion. Ich muss nochmal raus. Es dauert ziemlich lange, dann komme ich erneut rein. Die neue Chefin des offenen Vollzugs (seit dem 1.10. da) redet jetzt und präsentiert eine ganz neue Lösung.

Ich bleibe offiziell unbeschäftigt, d.h. ich verdiene die 1,09 € nicht und gehe nicht Laub harken am Gericht. Aber ich kann während der üblichen Arbeitszeiten (8-16Uhr) in einem von BeamtInnen kontrollierbaren raum am Laptop arbeiten. Danach und in den Pausen muss ich den Laptop dann immer einschließen. Der große Vorteil: Ich habe damit genug Zeit, schriftstellerisch tätig zu sein (ein bischen drigender wird damit nun aber, ein besseren Laptop zu organisieren). Nachteile: Ich komme sehr wenig raus – nämlich 21 Stunden pro Woche plus 1-2 Tage Urlaub pro Monat. Damit wird es sogar knapp, 1x pro Woche nach Saasen zu fahren, weil das nur ab 8-10 Stunden (z.B. samstags) Sinn macht.

Denn ich würde 2-3mal pro Woche für 3-5 Stunden extern am PC layouten und recherchieren wollen (hab ich in Gießen einen Arbeitsplatz dafür eingerichtet). Wenn dann noch was dazwischen kommt – von Behördengang bis zu Verabredungen – ist die Zeit vorbei.

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