6.10.2010: „Der Skandal ist nicht, dass ich im Knast bin!“

Erwartet hätte ich ja nicht, noch mal einen Bericht per Hand verfassen zu müssen – aber es sind jetzt 26 Stunden seit dem Konferenzbeschluss vergangen und bislang ist nichts passiert. Ich habe auch den Eindruck, dass nicht alle BeamtInnen hier damit zufrieden sind und so eine Art Bummelstreik durchführen. Denn natürlich bedarf es noch einiger bürokratischer Akte – und das lässt sich zumindest verzögern. Was heißt, dass ich hier auf dem Zimmer hänge und warte.
Als ich eben nach dem Posteingang fragte (selbst die taz von gestern ist bislang noch nicht da), bekam ich zur Antwort: „Ob heut noch mal jemand geht und die Post holt, weiß ich nicht. Ich habe keine Lust.“
Das ist im Kleinen, was die Theorie der Herrschaftsfreiheit zur Grundlage hat. Freie Vereinbarungen können die Willkür fördern. Hierarchien stärken diese Tendenz aber erheblich. Denn Herrschaft bedeutet, Willkür ausüben zu können ohne Gefahr, irgendwelchen Stress zu bekommen. Mein seltsamer Postberg vom 4.10. wurde als „kann nicht sein“ quittiert.
Eine komischen Entscheidung: Schriftstellerei sei keine Arbeit im Sinne des Freigängertums im offenen Vollzug, da kein Chef da sei und: „Ohne Kontrolle keine Arbeit!“
Zwar hab ich in meinem Strafvollzugskommentar jetzt doch sogar dafür den passenden Paragraphen gefunden (ich eigne mit da ja ein neues Rechtsgebiete an – wie bisher auch in meinem Leben, erzwungenermaßen), nämlich §39, Abs. 2 StVollzG, aber offenbar ist der hier unbekannt oder ungewöhnlich. Gefangene stammen aus sogenannten sozialen Unterschichten – und die sind Arbeiter. Mit Chefs. Basta.
Ich bin hier im offenen Vollzug in der Anstaltsverpflegung der einzige Nicht-Fleischfresser. Da es „vegetarisch“ so extra nicht gibt, ist das eine Kategorie mit „Moha“. Was ist das? Eine Abkürzung des ungebräuchlichen „Mohammedaner“ statt „Moslem“. Und von denen gibt es hier offenbar keinen im offenen Vollzug mit Anstaltsverpflegung. Warum das so ist, kann ich nur spekulieren. Offener Vollzug ist Lockerung. Wer die bekommen soll, muss „geeignet“ sein und Resozialisierungsaussichten haben – also z.B. Geld, Wohnung, Familie, Job. Lockerung bekommen innerhalb eines Knastes die Privilegierten. Und das dürften vor allem die deutschen sowie – mit Abstrichen – die europäischen Häftlinge sein. So bleibt, was immer klar war: Der Skandal ist nicht, dass ich im Knast bin. Sondern dass es Knäste gibt!

Jörg

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