Sonne und Arbeit

Na immerhin … die Tage sind wieder so lang, dass ich in meinem Haftzimmer Nr. 143 nach dem Auftauchen aus dem Schriftstellerkeller – blauer Himmel vorausgesetzt – wieder einige Minuten Sonnenschein genießen kann, bevor der hässliche Bau des geschlossenen Vollzugs und die dahinterliegenden Fabrik des Grauens (Landgericht) die strahlende Kugel verschlucken.
Mein Wochenrhythmus hat sich derweil etwas verändert. Um ein paar mehr Stunden Ausgang pro Woche zu erhalten (die ich wegen zunehmender Kontakte und Absprachen für die Zeit nach meiner Entlassung brauche), werkele ich diese Woche halbtags als Außenarbeiter rund um den Knast: Fegen, Zigarettenstummel und Bonbonpapier aufsammeln, Fensterbretter putzen und Blumenkübel vorbereiten für den Frühjahr – so oder ähnlich sieht der Vormittag aus. In den noch bevorstehenden 5 1/2 Wochen mache ich zudem den Wochenend-Essensdienst, und dafür gibt’s die 5 Stunden Extraausgang, den ich auch für Treffen in Gießen nutzen kann.

Urlaub nach Ermessen

Und es gibt sie doch, die Momente, wo mensch hart an das Regime von Bürokratie und Verregelung stößt – auch wenn ich hier im Knast ja die meiste Zeit in meinem Schriftstellerkeller werkele und wenig anderen Menschen begegne.
Jetzt bin ich mal zur „Vollzugsgeschäftsstelle“ gegangen – der Ort, wo mensch beim Einchecken fotografiert und kartographiert wird. Mein Thema: Wieviele „Urlaubstage“ habe ich? Hintergrund ist, dass das nicht so einfach zu berechnen ist. Die ErschafferInnen des Strafvollzugsgesetz haben nämlich allen Menschen im offenen Vollzug bis zu 21 Tage pro Jahr zugebilligt. Das ist eine saudumm krumme Summe, aber sogar noch im Kopf zu knacken: Es macht 1,75 Tage pro Monat. Das muss ich so über den Dreisatz machen, weil ich ja nicht ein ganzes Jahr da bin. Allerdings auch nicht ein halbes, denn am Anfang sitzt Mensch zwar schon im Haus des offenen Vollzugs, aber muss erst durch eine Konferenz geschleust werden, es gibt kleine Probezeiten usw. Wie auch immer: Laut meinem Vollzugsplan, den ich als Ausdruck auf Zimmer 143 liegen habe, trat meine Urlaubsfähigkeit am 8.10.2010 ein. Glücklicherweise ergibt das noch eine einigermaßen einfache Rechnung, denn bis zum Entlassungstag am 22.3. sind das genau 5 Monate und 15 Tage – anders ausgedrückt: 5 1/2 Monate. Mal 1,75 ergibt 9,625 Tage – aufgerundet 10 Tage.
Nun hatte ich aber auf Anfrage schon schriftlich mitgeteilt bekommen, dass es nur 9 Tage werden sollen. Nicht dass wegen dem einen Tag (was praktisch aber immerhin ein Doppeltag ist) jetzt hier den Knast nicht durchhalten werde – aber ich fand ja mal, das nachprüfen zu wollen, wieso das so berechnet wird. Und ging in die Geschäftsstelle. Gut – das war mir schon bekannt, dass das einer der Räume ist, wo eine Apparateatmosphäre herrscht und auf Gefangene ziemlich arrogant herabgeblickt wird. Das wurde auch gleich deutlich, als ich mit auf den für ein Gespräch passenden freien Stuhl setzen wollte. Nein, der sei nur für Bedienstete da, ich hätte auf einem deutlich magereren Stuhl neben der Tür Platz zu nehmen. Irgendwie freue ich mich ja auch über diese Symboliken – sonst ist Herrschaft immer so kunstvoll verschleiert, hier im Knast ist vieles ganz offen.
Dann trug ich mein Anliegen vor. Mir wurde erzählt, dass die Rechnung mit den 9 Tagen schon stimmte. Komischerweise war die angewendete Formel die gleiche wie bei mir. Ich rechnete das noch mal laut vor und präsentierte die 9,625 Tage. Antwort sinngemäß: Das ist egal, wie machen das bei Ihnen wie bei allen anderen auch – also 9 Tage. Mich interessierte das jetzt noch mehr: Aha, die klauen also allen hier einen Tag? Und auch jetzt wieder eine entlarvende Antwort, sinngemäß so: „Sie haben gar keinen Anspruch auf den Urlaub, ich bestimme das.“ Ja, da hilft Argumentieren auch nicht mehr, sondern nur das artige Bedanken für diese Präsentation der Willkür („Ermessen“ wurde ich korrigiert) und dann ging ich.

Was gibt es sonst noch Neues?

1. Meine Klage gegen die Uni Gießen wegen deren Hausverbot, die 17. Januar verhandelt, habe ich natürlich verloren. Ein Verwaltungsgerichtspräsident wird doch den wichtigsten Player in Gießen (Uni) nicht ankacken. Enttäuschend bleibt, dass AStA & Co. außer lauen Ankündigungen tatsächlich nichts hingekriegt haben. So eine Koalition von Jusos, Grünen usw. taugt einfach zu nichts. Der Bericht vom Prozess war unter http://de.indymedia.org/2011/01/298129.shtml

2. Mein nächster „Urlaub“ wird diesmal Freitag/Samstag sein – nämlich 18. und 19. Februar. Das heißt, ich bin von Freitag, 9 Uhr bis Samstag, 20 Uhr in der Projektwerkstatt in Saasen. Baueinsatz an beiden Tagen in der Tageslichtphase, im Dunkeln dann mehr Platz für Planen und Reden. Zudem brauche ich immer ein bisschen Zeit für Computernutzung, weil ich Scanner, Drucker und Internet im Knast ja nicht habe. Unter anderem will ich eine weitere CD mit Dokumenten und Materialien für den Aktionsversand zusammenstellen (Thema „Naturschutz, Arten, Biotope“).
An Werktagen sind kurze Treffen in Gießen möglich: Montag bis Donnerstag ab 16 Uhr, Freitag sogar schon ab 14 Uhr – meldet Euch dann einfach.

3. Nach dem 19.2. kann ich dann wegen der oben beschriebenen Urlaubstageberechnung noch einen weiteren „Urlaub“ machen (also zwei Tage mit einer Übernachtung). Da keine anderen Planungen oder Vorschläge vorliegen, würde ich ein weiteres Bauwochenende in der Projektwerkstatt machen. Passend könnten das erste oder das zweite Märzwochenende sein – hat jemand Lust und schlägt einen Termin vor?

So long, Häftling OV 99/10/7 der JVA Gießen

Kontakt:
z.Zt. in der Justizvollzugsanstalt Gießen, Offener Vollzug, Gutfleischstr. 6, 35390 Gießen
Erreichbar über joerg@projektwerkstatt.de (werden alle paar Tage bearbeitet) und Tel. 01522-8728353 (meist Di+Do ca. 16.30-19.30 Uhr, So ca. 13-17 Uhr). Samstag ca. 13.30 bis 20 Uhr in der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen, Tel. 06401/903283.

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