Sonne, Saasen, letztes Bauwochenende

Das scheint der richtige Riecher gewesen zu sein: Drei von sieben Tage dieser Woche will ich in und an der Projektwerkstatt in Saasen verbringen – den Mittwoch (2.3.) und das Wochenende (ich komme Sa, 5.3., ca. 9 Uhr in Saasen an und verschwinde So-abend wieder). Meine Hoffnung ist noch mal auf eine größere Bauaktion. Es ist hervorragendes Wetter angesagt und daher sind die Erneuerung von Dachfenster und Vordächern fällig.
Es werden die letzten Bautage während meiner Haft sein – denn danach sind es nur noch gut zwei Wochen bis zur Entlassung (danach geht es natürlich weiter, aber wie, ist ungeklärt – wie auch überhaupt leider die ganzen sechs Monate ungeklärt blieb, wer eigentlich in Zukunft was an und mit der Projektwerkstatt machen will).
Wer also Lust hat, ist Samstag und/oder Sonntag gern gesehen (wer hat: Akkuschrauber mitbringen, dann können wir mehrere Dachteams machen – weitere, dauerhafte Suchliste für Kram, der in der Projektwerkstatt gebraucht wird, immer unter www.projektwerkstatt.de/saasen).

Die Resthaft
Am 22.3. ist Schluss … irgendwann im Laufe des Vormittags. Das ist nicht genau abschätzbar, weil mensch einen langen Marschen durch die Knasthierarchien antreten und überall eine Unterschrift einsammeln muss, die bestätigt, dass der jeweilige Entlassungs-Teilvorgang erledigt ist.
Während dieser verbleibenden Tage werde ich weiter werktäglich schreiben, Samstags in die Projektwerkstatt fahren und an anderen Wochentagen im Knast bleiben oder in und um Gießen Ausgangsstunden nehmen, um Emails zu lesen und zu schreiben, zu telefonieren oder mich mit Leuten zu treffen.
Ein paar linke Gruppen wollen gern am 20.3. in Gießen (ab ca. 17 Uhr) einen Raum organisieren, so dass ich – zwei Tage vor der Entlassung – noch einmal die spannende Ton-Bilder-Schau „Fiese Tricks von Polizei und Justiz“ präsentieren kann (siehe www.fiese-tricks.de.vu). Mit dabei ist der abenteuerliche Versuch von Gießener und Landespolizei, Gießener Justiz und dem Innenministerium mit dem heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, mich mit erfundenen oder wissentlich falsch zugeordneten Straftaten schon damals länger hinter Gitter zu bringen: Das Federballspiel vom 14.5.2006. Es wird so dargestellt, dass die Originalpolizeiakten auf der Leinwand zu sehen sein werden.
Und wer immer noch überlegt, warum ich wohl wegen der Feldbefreiung am Gengerstenacker 6 Monate Knast bekommen habe, während das Verfahren gegen andere Beteiligte eingestellt wurde (wegen geringer Schuld): Am 14.5.2006 lief der Versuch, mich mit kompletten Lügen in den Knast zu bringen. Am 18.5. scheiterte dieser und ich wurde wieder entlassen. Die Feldbefreiung war am 2.6. Zwei Wochen später.

Weiteres Buchschreiben im Knast?
Momentan komme ich auch mit dem weiteren Buch („Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus“, siehe www.anarchie-debatte.de.vu) noch vorwärts, auch wenn das Schreiben in der Monotonie schwer fällt. Ich hoffe, dass bis zum 22.3. von den Textentwürfen abgeschlossen zu haben, weil ich danach sicherlich erstmal keine Lust mehr habe.
Fallengelassen hat mich wohl der Pattlochverlag – ein alle paar Jahre wohl nötiges Erlebnis. Denn immer mal wieder falle ich auf Anfragen von Verlagen herein, die ein Buch machen wollen und mich als Autor anfragen. Dann lege ich los, liefere auch was, während die Informationen bekommen, dass ich gar nicht so in die Eliten dieser Republik passe … und irgendwann lassen die Dich einfach fallen. Du kriegst dann nicht mal mehr eine Absage – auch auf Nachfrage nicht. Höflichkeit ist halt eine Verhaltensregel, die die Bürgerlichen nur unter sich pflegen.
Deren wirtschaftliche Überlegungen sind im Übrigen nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Umgang mit AutorInnen außerhalb von gesellschaftlicher Eliten ist schon beeindruckend, das bekomme ich als Autor etlicher Bücher ja mit: Das Buch wird selten oder nie zitiert, wenig oder nie erwähnt, Du als ReferentIn in diesen Sphären auch nicht angefragt. Das betrifft alle, die aus Nichteliten heraus sich ExpertInnenwissen aneignen und veröffentlichen, ohne sich dabei den Verhaltenscodes und Abhängigkeiten der Funktionseliten dieser Welt zu unterwerfen. Insofern: Danke Pattloch (gehört zu Droemer Knaur). Alle paar Jahre ist so ein Arschlochverhalten einfach heilsam, um zu wissen, was es nicht bringt. Darum ist ja der SeitenHieb-Verlag entstanden als nicht-kommerzieller Verlag unabhängiger AktivistInnen. Die Bücher laufen (wenn es klappt) über kleine Buchläden und noch mehr über viele Einzelpersonen und Basisinitiativen – so wie gerade „Monsanto auf Deutsch“.

Nach dem 22.3.
Will ich nicht lange irgendwo herumhängen. Es gibt nichts zu erholen aus der verordneten Langeweile des Knastes, der Menschen (sicherlich nicht nur die eingesperrten) auf triviale Lebensgestaltung trainiert, weil dieses Gesellschaft triviale Menschen braucht. Also werde ich umherzufahren mit Veranstaltungen, Trainings, gern auch Aktionen. Am 29.3. läuft ab 9 Uhr ein Prozess wegen der Flughafenbesetzung bei Frankfurt im Amtsgericht Rüsselsheim. Da will ich mitmischen – wie hoffentlich viele andere auch.
Am 9. und 10. April findet die anarchistische Buchmesse in Mannheim statt, wo ich zwei Veranstaltungen zum Thema „Theorie und Strategie für die Anarchie“ sowie „Kritik an Knast und Strafe“ (als Frisch-Entlassener) anbiete (neben spannenden anderen Vorträgen anderer Menschen und den Büchertischen der Verlage). Danach gibt es rund um Offenburg Vorträge und am 14.4. in Ludwigshafen, also der BASF-Stadt, die Ton-Bilder-Schau zu Gentechnik-Seilschaften.
Und dann weiter hoffentlich mit einem aktiven Sommerhalbjahr, zu dessen Beginn ich doch termingerecht hier herauskomme …

So long, Häftling OV 99/10/7 der JVA Gießen
Kontakt:
z.Zt. in der Justizvollzugsanstalt Gießen, Offener Vollzug, Gutfleischstr. 6, 35390 Gießen
Erreichbar über joerg@projektwerkstatt.de (werden alle paar Tage bearbeitet) und Tel. 01522-8728353 (meist Di+Do ca. 16.30-19.30 Uhr, So ca. 13-17 Uhr). Samstag ca. 13.30 bis 20 Uhr in der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen, Tel. 06401/903283.

Und noch mal zur Erinnerung: Startschuss für das LaienverteidigerInnen-Netzwerk im Mai
Eine Sache ist fest geplant – nämlich ein Training für alle, die sich besser vor Gericht verteidigen und den WahrheitsfinderInnen im autoritären Gewand und Auftrag herrschender Interessen mehr entgegensetzen zu können als das übliche Eingeschüchtertsein, was die absurde Kulisse im Gerichtssaal ja auch herbeiführen soll.
Danach dann lade ich alle ein, die ein solches Training schon mal besucht haben und auch schon mal ein Gerichtsverfahren besucht haben (ansonsten besteht dazu noch mal Gelegenheit am Tag nach dem Training), mit nachzudenken über ein Netzwerk von LaienverteidigerInnen, d.h. wir verteidigen uns nicht nur selbst, sondern auch gegenseitig. Das darf mensch nämlich auch ohne Anwaltszulassung – bei Nachweis entsprechender Rechtskunde. Wie wir uns das organisieren und dann kooperieren, dass soll alles besprochen werden. Abschluss ist eine Schulung für alle, die dann als LaienverteidigerInnen sich gegenseitig und anderen helfen wollen.
Infoseite: www.projektwerkstatt.de/laienverteidigung

Die Termine:
6.-8. Mai (Beginn: Freitag, 20 Uhr): Grundtraining offensive Prozessführung
Für alle, die sich selbst verteidigen wollen, und auch für die, die darauf aufbauend mehr mitmischen wollen.
Für EinsteigerInnen geeignet, es ist auch möglich. (9. Mai: Gerichtsprozesse angucken in Gießen)

10.-12. Mai (Beginn: Dienstag, 20 Uhr): Vernetzungs- und Planungstreffen
zum Aufbau eines LaienverteidigerInnennetzwerkes. Konzeption der Schulungen für LaienverteidigerInnen

13.-15. Mai (Beginn: Freitag, 20 Uhr): Erste Schulung für LaienverteidigerInnen
Voraussetzung: Grundtraining (also das vom 6.-8.5. oder irgendein anderes Prozesstraining), Besuch eines Gerichtsprozesses (am 9. möglich), Wissensstand die Broschüre „Gerichtsverfahren“ bzw. Antirepressionsreader.

Ort: Projektwerkstatt in Reiskirchen-Saasen (Infos, Anfahrtsbeschreibung usw.: www.projektwerkstatt.de/saasen)

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